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Zu meiner Langzeitstudie: Die Predella-Serie, 2005 - f.
Das abendländische Malereiverständnis geht auf den mittelalterlichen Altar zurück. Als liturgisch konzipiertes Gesamtkunstwerk vereint der Altar im frühen Mittelalter zunächst die Architektur mit der Bildhauerei. Die Malerei tritt als letzte hinzu. Man findet sie zunächst im 12. Jahrhundert auf dem Antependium, den vorderen und seitlichen Bekleidungen des Altartisches. Auf dem Antependium verfährt die Malerei symbolisch; sie indiziert das heilige Thema des Altars. Das repräsentierende Vermögen der Malerei entwickelt sich anschließend; es kommt erstmals im Retabel zur Geltung, dem rückseitigen Altarblatt. Das 13. Jahrhundert unterteilt schließlich das Retabel, so dass die statuarisch festgelegte Darstellung des zentralen Tafelbildes von Altarflügeln umfangen wird, mit ursprünglich ebenfalls statuarischen Figuren. Farbig gemeinte Tafelbilder entstehen zuerst im 14. Jahrhundert, zunächst im Bereich der Predella, also im Unterbau der Altarflügel, wo kleine szenische Darstellungen das Hauptmotiv des Altars ergänzen. Dort öffnet sich ein eigenständiger Bildraum, zwischen den eher kryptischen Ideogrammen des Antependiums und der oftmals überdeutlich attributiven Repräsentation des Retabels. Mich hat immer schon insbesondere der Bildraum der Predella fasziniert. Die Predella erzählt nicht nur erstmals eine Geschichte mit malerischen Mitteln. Sie reagiert auch auf ein intentionales Dilemma, ein elementares Darstellungsproblem, welches weder im Antependium noch im Retabel gelöst wird: Das Antependium weigert sich abzubilden, indem es einen rein geistigen Ursprung des religiösen Gefühls behauptet. Aber der symbolische Umgang mit der Farbe im Antependium ist viel zu allgemein, als dass er jemals ein erhellendes Medium der theologischen Reflexion werden könnte. Im Gegenzug sucht das Retabel die Autorität des Heiligen in eine historisch fassbare Gestalt zu gießen, aber damit wird zugleich ein Popanz geschaffen. Die Predella wendet sich deshalb programmatisch dem Ephemeren zu, so dass die Einsicht in die grundsätzliche Nichtabbildbarkeit des gemeinten religiösen Themas in ein szenisches Fabulieren mit den konstruktiven Möglichkeiten der Farbe münden kann. So ist der Ursprung der abendländischen Malerei unauflösbar mit dem wirkungsmächtigsten Anliegen der modernen Kunst verknüpft, nämlich dogmatische Behauptungen mit den Mitteln des Bildes aufzuklären. Die in der Predella erstmals konzeptuell realisierte Hinwendung zum Episodischen, Flüchtigen, zur entschieden „kleinen Form" greift mein 2005 begonnenes, mehrjähriges Arbeitsvorhaben auf. Es soll über eine zahlenmäßig offene Reihe dichter gleichformatiger Einzelbilder (40 x 40 cm) den gesamten Farbkreis allmählich abschreiten und im Spiel mit den operativen Variablen der Malerei nicht direkt darstellbare intelligible Zusammenhänge erschließen.
Jörg Bürkle |
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